Die Beinachse

19. Juni 2020 1 Von Georg - Kraftfuß

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Nicht nur für Profisportler und Therapeuten wichtig: Die Beinachse bestimmt die Stellung aller Gelenke der Beine, bzw. und lässt umgekehrt Rückschlüsse auf diese zu.

Die sogenannte „Beinachse“ ist genau, wonach sie klingt: Die Längsachse des Bein [Bild einfügen]. Mit Hilfe dieser Achse kann man einerseits auf die Stellung der Hüft-, Knie-, und Fußgelenke schließen. Andererseits kann man über das Training dieser Achse die Stellung dieser Gelenke positiv beeinflussen. Aufgrund knöcherner Gegebenheiten ist sie keine ganz gerade Linie, sondern hat von vorn betrachtet im Normalfall einen leichten Knick von 5° – 7° auf Kniehöhe [1].

Anatomische vs. Funktionelle Beinachse

Diese Unterscheidung ist eher unscharf und wird in der Literatur nicht immer getroffen. Dennoch möchte ich hier unterscheiden zwischen den Formen

  • Anatomische Beinachse: Sie wird bestimmt durch Knochen- und Gelenkform. Man kann sie im Röntgenbild genau vermessen und nur bedingt ohne operative Eingriffe behandeln. Am bekanntesten sind O-Beine (genu varum) und X-Beine (genu valgum).
  • Funktionelle Beinachse: Beschreibt das Verhalten des Beins bei Belastung und wird hauptsächlich durch (fehlende) muskuläre Kontrolle verändert. Hier kann man mit Training viel erreichen.

Die Therapiemöglichkeiten für anatomische Fehlstellungen des Knies sind zwar sehr eingeschränkt; einen (z.B. durch Wachstumsstörung oder Verletzung) schief gewachsenen Knochen wird man nicht gerade trainieren können. Hier kommt allerdings das große Aber: Dennoch wird jemand mit einer anatomischen Fehlstellung von einem funktionellen Beinachsentraining profitieren. Eine optimale muskuläre Führung im Rahmen der gegebenen Gelenkstellung entlastet Knorpel und Bänder und kann Überlastungsschäden entgegen wirken.

Die funktionelle Beinachse wird weniger über das Knie und mehr über Fuß und Hüftgelenk gesteuert. Ein Problem hier äußert sich typischerweise in einem sichtbaren Wegknicken des Knies nach innen bei Belastung. Natürlich hat man dann nicht auf einmal ein X-Bein. Die sichtbare Achsverschiebung wird durch eine Adduktion und Innenrotation der Hüfte ausgelöst, sprich: Nicht das Knie knickt ein, sondern die Hüfte. Einen ähnlichen Effekt können ausgeprägte Knickfüße haben.

Das Problem dabei: Durch die Wanderung des Knies nach innen verschiebt sich die Belastungsachse vom Zentrum des Knies weg nach außen. Mit der Folge der ungleichmäßigen Belastung der Gelenkflächen. Der Druck wird nicht mehr gleichmäßig verteilt. Knorpel und Meniskus auf der Außenseite (verstärkter Druck), sowie das Innenband (größere Spannung) werden stärker belastet. Gelegentlich und für gesunde Knie erst einmal unproblematisch. Passiert das aber bei jedem Schritt, so können sich nach und nach Reizungen und Verletzungen entwickeln.

Bedeutung

Die funktionelle Beinachse, oder die Fähigkeit das Bein als System unter Belastung stabil zu halten, spielt eine wichtige Rolle für die sportliche Leistung, sowie bei der Vorbeugung von und der Rehabilitation nach Verletzungen. Zum einen macht eine gute muskuläre Kontrolle die Gelenke also widerstandsfähiger und ermöglicht optimale Kraftübertragung in Alltag und Sport. Zum anderen sorgt man so nach Verletzungen dafür, dass die betroffenen Körperabschnitte nicht ungleichmäßig belastet werden.

Ein kurzes Beispiel: Nach einem Kreuzbandriss mit nachfolgender OP müssen die Muskeln wieder trainiert werden. Anfangs kann man oft beobachten, dass das Knie bei Belastung nach innen wandert. Das deutet auf fehlende Kraft und Koordination hin und belastet das operierte Gelenk unnötig.

Wenn man die Beinachse bei der Therapie und Training immer im Auge behält, kann man feststellen, wann der Patient/die Patientin (muskulär!) wieder bereit für größere Belastungen ist. Daher stellen entsprechende Tests wichtige Indikatoren dar, ab wann jemand wieder Laufen, Sprinten und Springen darf.

Noch ein Beispiel außerhalb des medizinischen Bereichs: Nehmen wir einen Hobbyläufer mit guter Kondition, aber eher schwacher Hüftmuskulatur (keine seltene Kombination). Beim Laufen auf der Ebene wird das muskuläre Defizit wenig auffallen. Es ist aber auch hier schon möglich, dass die Knie bei jedem Schritt geringfügig nach innen knicken und so über längere Zeit Gelenkreizungen provozieren.
Geht es nun auch mal bergauf oder bergab, so sind die Beine deutlich größeren Kräften ausgesetzt. Wenn die Muskulatur die Gelenke dann nicht schnell und stark genug stabilisiert, haben wir zusätzlich zu der gerade beschriebenen Problematik noch einen Effizienzverlust. Ein Teil der Kraft “verpufft” in den Ausweichbewegungen der Gelenke, also ist der Läufer langsamer und schneller erschöpft. Noch deutlicher tritt dieser Effekt bei schnellen Läufen und Sprints auf.

Tests für zu Hause

Es gibt zum Glück einfache Tests, mit denen man selbst den eigenen Fitnesszustand grob einschätzen kann:

  • Test für die anatomische Beinachse: Stell dich mit geschlossenen Beinen hin. Berühren sich sowohl Innenknöchel als auch Knie, hast du eine Beinachse wie im Lehrbuch. Berühren sich nur die Knöchel am Fuß, deutet das auch O-Beine hin; berühren sich nur die Knie, geht es entsprechend in Richtung X-Beine. Wichtig: Kleine Abweichungen sind normal und stellen in der Regel überhaupt kein Problem dar. Erst bei einem Abstand von mindestens 3cm zwischen den Knie oder mindestens 5 cm zwischen den Knöcheln wird das Ganze überhaupt als pathologisch (sozusagen medizinisch relevant) angesehen [2].
  • Test für grundlegende funktionelle Beinachsenstabilität: Setz dich und stellt deine Füße hüftbreit nebeneinander auf den Boden. Wenn du nun aufstehst sollte sich der Abstand zwischen den Knien kaum verändern. Zusätzlich kontrollieren kannst du das, in dem du eine bzw. zwei Fäuste (je nach Abstand) zwischen Knie Knie hältst.
  • Test für gute muskuläre Kontrolle: Diesmal stehst du nur mit einem Bein auf, das andere hältst du in der Luft. Das arbeitende Knie sollte nicht hin und her wackeln und von oben betrachtet immer ruhig über dem Sprunggelenk stehen. Diesen Test sollten Sportler meiner Meinung nach unbedingt bestehen! Erschreckend oft sehe ich,dass dies nicht der Fall ist.

Übungen zum Training der Beinachsenkontrolle folgen im nächsten Artikel.

Quellen:

[1] http://www.lexikon-orthopaedie.com/pdx.pl?dv=0&id=01314

[2] https://www.amboss.com/de/wissen/Orthop%C3%A4dische_Untersuchung_des_Knies